Autor: Connie Müller-Gödecke

absurd

ich suche im WWW nach Literatur über Lärm
und es blendet sich ein Banner ein:

Gratis: Klingeltöne und Logos für Ihr Handy

ebenso absurd ist, daß es anscheinend ein Marktlücke gibt:
Klingeltöne für Handys…
da streiten sich die Verwertungsgesellschaften um die richtige Abgeltung
da listen die Internet-Zeitungen reihenweise Links auf, wo man solche Töne erhält
da werden Downloadzeiten und Kosten warentestmäßig verglichen, um dem jungen (es geht ja wohl um die jungen) Konsumenten zu rüsten und umfassend zu informieren…

ja haben die nur Heu im Hirn?????

in welcher Welt leben wir denn?

Neue Folter: HeavyMetall

Die Netzeitung berichtet:

Vernehmungsbeamte des amerikanischen Militärs haben Heavy-Metal-Musik als Folterinstrument entdeckt. Der Onlinedienst "Ananova" berichtet, der Kulturschock, stundenlang Metallica hören zu müssen, solle gefangene Iraker zum Reden bringen.

Diese Menschen haben vorher noch nie Heavy Metal gehört. Das halten sie nicht aus, sagte Sergeant Mark Hadsell dem Magazin "Newsweek".

Makaber #1:
Die Band Metallica hat sich aus Anlaß des Iraq-Krieges anscheinend von einigen ihrer martialischen Stücke distanziert, spielt sie zumindest nicht mehr.

Makaber #2:
Ruft man die Seite der Netzeitung auf, dudelt ersteinmal eine Microsoft-Werbung los…

Der Belästigung hilflos ausgeliefert

August Schick ist Psychologie- Professor an der Universität Oldenburg und seit 28 Jahren in der Lärmforschung tätig. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über vibrierende Deutsche, in der Lärmlast vereinte Europäer und Kinder, die sich nur noch per Kopfhörer vor Krach schützen können.

Der Mensch hat sicherlich die Fähigkeit, sich subjektiv an Geräusche zu gewöhnen. Bestimmte körperliche Funktionen assimilieren allerdings nicht. Nehmen sie den Schlaf: Auch unter großer Lärmbelastung schlafen die Betroffenen, aber sie schlafen generell leichter und schlechter, nehmen das jedoch irgendwann nicht mehr wahr. Ich vermute, dass eine chronische Belastung im Allgemeinen schlimmer ist. Viele Anwohner des Frankfurter Flughafens haben Einschlafschwierigkeiten, weil jede Viertelstunde ein Flugzeug über sie hinwegdonnert. Diese Menschen fühlen sich zudem der Belästigung hilflos ausgeliefert, das raubt auch langfristig eine Menge Energie.

das ganze Interview ist auf Spiegel Online , 2003
Homepage von Prof. Dr. August Schick

Newski Express

Akustisches Inferno im Newski Express

Newski ExpressSt. Petersburg < -> Moskau in fünf Stunden

Und dann sitze ich im Zug.
Zu meinem Erstaunen erste Klasse.
Der ganze Zug "Newski Express" ist nur erste Klasse.
Und jeder Sitzplatz im Abteil hat einen eigenen Lautsprecher, der das ganze Coupe beschallen kann und der auch das Werbe-Programm wie der Lautsprecher im Korridor abplärrt.

Und gleich muss ich mich wehren.
Und es gibt zwei Fernseher. Oben auf der Hut-Ablage.
Links und rechts vom Fernseher sind Spiegel angebracht.
Darin kann man das Programm des zweiten Fernsehers verfolgen, spiegelverkehrt, das man sonst ja nicht sehen könnte.

Was hat sich in den letzten 10 Jahren verändert?
Der Zug ist neu.
Das Haus am Bahnsteig ist neu.
Alle haben ein Mobiltelefon.
Im Zugkorridor schallt das Radio wie in alten Zeiten, jetzt aber technisch perfektioniert, durch die Lautsprecher im Korridor und im Abteil.
Und jetzt weiß ich auch, warum da zwei Spiegel sind: man kann auf einen Monitor schauen und den anderen im Spiegel auch.
2 Filme und 6 Radio-Lautsprecher = 1. Klasse

Jetzt werden Ohrhörer verteilt und es zischt aus allen Ohren.
Und überall bimmeln die Telefone.
Und 40 Rubel kostet das Mineralwasser, Borjomi, das sind rund 1,60 €, das ist viel.

kein Film im TV plötzlich, also lesen
jeder russische Reisende hat ein Buch dabei
sie konzentrieren sich aber nicht, nach jedem Satz schauen sie hoch auf den Monitor, ein dressierter Blick, in Bereitschaft, sofort das Gelesene sein zu lassen und wieder passiv zu konsumieren, zu glotzen

was lasen sie? Harry Potter, Agatha Christie
aber der Monitor verspricht das Heil

Rigo Baladur: Der Stille Tod.

Nun gibt es ein Buch, das gut tut und böse macht:

Rigo Baladur: Der Stille Tod.

Schon der Titel, gesprochen einfach zu verstehen, beim Lesen zwingt er zum Denken. Ja, es geht nicht um den Tod, es geht darum, daß Lärm die Stille tötet.
Und der Mensch braucht nun mal Stille, um geistig arbeiten zu können.

Daß der Mensch jedoch die Stille abwürgt, nicht zuläßt, ist für den Autor Rigo Baladur ein weiteres Indiz dafür, daß der Mensch sich überlebt hat:
Der Mensch muß aufhören….

Der Mensch muß aufHören

Für mich ist dieses Buch vom Himmel gefallen. Ich finde herausgearbeitet, was mich so quält und ich werde gezwungen, mich intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen. Abwehr reicht nicht…
Ob ich allerdings so konsequent werde, daß ich zur Notwehr schreiten werde, bin ich mir trotz der juristischen Abklärung in diesem Bande noch nicht sicher. Aber ich habe das Buch aber auch noch nicht beendet

Rigo Baladur:
Der Stille Tod
Menschheit zwischen Demenz und Dementi
Athena Verlag 2001