Einschaltverweigerung

Gegen den alltäglichen LärmterrorDas Akustische Manifest!!!!!

24.11.2001: Das Jahr 2002

wird ein Jahr werden, in welchem die Besucherzahlen hochschnellen, sagt der stellvertretende Direktor des Kunstmuseums Bonn, Christoph Schreier. Schon deshalb, weil das Bonner Institut verstärkt Klassiker wie Max Ernst, Paul Klee, Ernst Wilhelm Nay oder August Macke und die frühe Moderne in Europa präsentieren will. Nichts gegen die Klassiker, nichts gegen steigende Besucherzahlen, wir wünschen den Bonnern wahrlich viel Glück.

So weit, so gut. Darüber hinaus kündigt das Kunstmuseum für 2003 an, dass Künstler und Komponisten in dem vom der EU finanzierten Projekt Listen für die musikalische Begleitung des Besuchers durch die Ausstellungen sorgen werden. Dafür werden Sendegeräte in den Wänden installiert, und die Besucher bekommen die entsprechenden Kopfhörer. Zu jedem Bild soll das passende Geräusch erzeugt werden. Also Meeresrauschen zu Turner oder gleich La Mer; von Debussy, Preußens Gloria zu Anton von Werner, oder wie, oder was?! Zu Schiele, Klimt und anderen Wiener Sezessionisten selbstverständlich Mahler, zum deutschen Expressionismus nicht nur Ostseegeräusche, zu Otto Muellers nackten Badenden würde doch der eine oder andere Juchzer passen, sondern auch alles, was zwischen Schönberg und Hindemith möglich ist.

Soll das allen Ernstes so gemeint sein? Sind wir alle nicht schon genug belästigt, ja, genotzüchtigt mit der Allgegenwart reproduzierter Musikkonserven, dem ewigen Dudelsound über Fleisch- und Whiskytheken, dem Gesäusel in Spielwaren- und Textilabteilungen, in denen man kaum eine Hose anprobieren kann, ohne sich als Rieselfeld jenes Odels zu fühlen, den manche für Musik halten? Selbst U-Bahnhöfe sind nicht mehr sicher vor Heiterem Erwachen auf dem Lande aus den Lautsprechern, Beethoven kann sich nicht mehr wehren. Gewiss, niemand muss vor den Bildern zum Kopfhörer greifen, es sei doch nur ein zusätzliches Angebot. So billig waren die Ideen zur Synästhesie, zum Zusammenspiel der Wahrnehmungskünste nicht gemeint. Wollen hoffen, dass es auch in Bonn nicht so zu verstehen ist.

Dieser verzweifelte Text stammt aus der Süddeutschen Zeitung vom 23. November 2001

01.10.2001: Einschaltverweigerung

ein verzweifelter Versuch einer gequälten Seele, sich der ästhetischen und kulturellen Verschmutzung zu entziehen.

Oder anders: das Elend zu dokumentieren bzw. andere Mitleidende einzubinden in das Leiden, auf daß es ein Gemeinsames werde….
vorerst geht es erstmal um die akustische Verschmutzung

Selbst in Amerika, dem Land des Muzaks, regen sich genervte Lärm-Opfer.

So fordert Tony Long auf WIRED.COM: You Know What? Just Shut Up

Ein Gruss an Konstantin (WorldWide-)Klein, der auf diesen Artikel hinwies.

Schon angejahrt, aber immer noch aktuell:

Im August 2003 widmet der Spiegel einige Artikel dem Thema Lärm und stellt auch eine Linksammlung ins Netz:

Ein Interview mit dem Lärmexperten Prof. August Schick

Der Ärger mit dem leisen Lärm / Das Recht auf Stille

Wenn Stille unmöglich wird / Brummtöne

07.01.2001: Der allzu laute Puls der Zeit

Schrot&Korn auf www.naturkost.de

Bei der Aufzählung der Umweltbelastungen wird ein Thema häufig vergessen: der Lärm. Fast alle verursachen ihn und die meisten leiden unter ihm. Manche so sehr, dass sie krank werden. Vom „Recht auf Ruhe“ sind wir in der Praxis weit entfernt.

„Über allen Gipfeln ist ruh“, so beginnt das Nachtlied von Goethe.
Heute würde nur noch ein Zyniker so dichten. Der Krach der Welt ist im Jahr 2000 allgegenwärtig, die Stille verschwindet sogar aus der Poesie. Zwei Drittel der Bundesbürger fühlen sich vom zunehmenden Lärm belästigt, der unterschiedlichsten Quellen entspringt. Flugzeuge, Autos und Bahnen sind die häufigsten Ursachen, auch Industrie- und Gewerbelärm ist weit verbreitet. Nicht zu vergessen die vielen „privaten Nervtöter“ wie Radio, Walkman, Rasenmäher oder ausufernde Feiern. Dauerhaft hohe Geräuschpegel machen krank, so haben medizinische Untersuchungen ergeben. Der Körper reagiert auf den anhaltenden Stress unter anderem mit Kreislauf- und Verdauungsstörungen, oberhalb der Grenze von 65 Dezibel(A) ist das Herzinfarktrisiko deutlich erhöht. Etwa 1.700 Menschen sterben nach Schätzungen des Deutschen Grünen Keuzes jährlich an den Folgen des Lärms.

Jedes laute Umweltereignis führt zu körperlichen Reaktionen. Die Blutgefäße an Kopf und Fingern ziehen sich zusammen, der Puls wird beschleunigt und die Muskelspannung steigt. Im Extremfall kann es zu Übersteuerungen des vegetativen Nervensystems kommen. Obwohl immer wieder anderes behauptet wird, gewöhnt sich der Körper ein Leben lang nicht an den Lärm. Und er „vergißt“ ihn auch nicht so schnell. Bei Kindern, die in der Nähe des Münchner Flughafens aufwuchsen, waren Stress-Symptome (Blutdruck- und Hormonwerte) auch 18 Monate nach dem Umzug des Airports ins Erdinger Moos noch signifikant erhöht. Weil die Gehörgänge praktisch Tag und Nacht durchlässig sind, ist man während des Schlafs besonders empfänglich für Störungen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, in Innenräumen einen Mittelungspegel von 35 dB(A) nachts nicht zu überschreiten und Spitzenpegel von 45 dB(A) zu verhindern, um Schlafstörungen vorzubeugen. Auch sollten die Außen-Pegel nicht über 45 dB(A) liegen, damit das Fenster offen bleiben kann. Von solchen Zuständen dürften die Nachbarn deutscher Großflughäfen nur träumen, wenn sie denn noch können. In Lärmschutzzone 1, wo Durchschnittspegel über 75 dB(A) gemessen werden, haben die Betroffenen immerhin Anspruch auf den Einbau von Schallschutzfenstern. In Schutzzone 2 (zwischen 67 und 75 dB(A)), wo viel mehr Menschen wohnen, gibt es keinen Rechtsanspruch, nur freiwillige Leistungen der Flughafen-Betreiber.

„Wir wollen endlich das Grundrecht der Menschen auf Schutz vor Lärm herstellen“, verlautet aus dem Bundesumweltministerium (BMU). Verkehrs- und Fluglärm, eine „Geißel unserer Zivilisation“, stünden dabei an erster Stelle. Wie schwierig es ist, das medizinisch Sinnvolle und menschlich Naheliegende zu realisieren, zeigt der momentane Streit um den Ausbau des Frankfurter Flughafens. Dort droht die Flughafen AG mit dem Verlust von Arbeitsplätzen und beschwört den Untergang einer ganzen Region. Dabei wohnen die eifrigsten Befürworter meist in grünen Villengebieten abseits der Lärmzonen, während sich die Masse vor dem Dröhnen der Motoren duckt. Ruhe wird zum Privileg für die Reichen, wer sich's leisten kann, zieht weg. Regelrechte Lärmghettos – wie rund um London-Heathrow – sind schon jetzt Realität.

Beim Versuch, die negativen Folgen des „Fortschritts“ zu mildern, vertrauen viele allein auf technische Innovation. Leisere Motoren, neue Straßenbeläge oder bessere Dämm-Materialien sind zwar wichtige Etappenziele, rühren aber ebenso wie schärfere Gesetze nicht an den Kern des Problems. Hohe Lärmpegel sind natürlich keine „Erfindung“ der Neuzeit, denn bereits die Römer klagten über das Rattern eisenbeschlagener Wagenräder. Der Mensch von heute erzeugt jedoch „Phonopollution“, wie die Amerikaner sagen, rund um die Uhr. Fast jeder ist abwechselnd Täter und Opfer, und ohne Verhaltensänderung führt anscheinend kein Weg aus dem Labyrinth. „Die Emission von Lärm bereits an der Quelle zu vermeiden“, wie die Bundesvereinigung gegen Fluglärm anregt, wäre in allen Bereichen die wirksamste und preiswerteste Strategie.

Nicht immer sind die anderen Schuld am eigenen Leid.

Etwa jeder vierte Jugendliche hat bleibende Hörschäden, die er sich durch lautes Musikhören oder Discobesuche „freiwillig“ zugefügt hat. Mediziner schlagen deshalb vor, die Schallpegel für Walkman auf 90 Dezibel (A) zu begrenzen. Patienten, die wegen chronischer Ohrgeräusche (Tinnitus) den Arzt aufsuchen, werden immer jünger. „Harmloses“ Kinderspielzeug wie Plastiktrompeten, Trillerpfeifen und Knackfrösche, so hat Professor Gerald Fleischer an der Universität Gießen ermittelt, bringt es auf Schallpegel von über 100 dB(A). Spitzenreiter sind Knallpistolen mit 135 dB(A). Die „Ballermänner“ sind für Kinder ab drei Jahren zugelassen und erreichen – direkt neben dem Ohr abgefeuert -sogar Werte von 163 bis 173 dB(A). Bei solch ohrenbetäubendem Krach genügt ein einziges „Ereignis“, um ein massives Knalltrauma auszulösen, das Ohrengeklingel und Hörstürze zur Folge hat. Die Haarzellen im Innenohr werden durch die Wucht der Detonation von der Basalmembran abgeknickt oder ausgerissen wie Bäume im Orkan. Wegen Sauerstoffmangel – so vermutet man – sterben die Sinneszellen ab. Während sich das Ohr gegen gleichförmigen Lärm durch Zusammenziehen der Mittelohrmuskeln bedingt wappnen kann, so Fleischer, ist es dem extrem lauten Sekundenlärm schutzlos ausgeliefert.

Durch permanente Lärm-Berieselung mit mittleren Schallpegeln wird nach neuesten Erkenntnissen die geistige Entwicklung von Schulkindern stark beeinträchtigt. Manche Lärmgegner würden gerne die akustische Umweltverschmutzung in Einkaufszentren und Supermärkten abstellen und fordern die Einrichtung lärmfreier Zonen. Auch Autofahrer könnten durch bewusstes Verhalten viel für den Lärmschutz tun. Wer seine Geschwindigkeit innerorts von 50 auf 39 Stundenkilometer drosselt, hat die Schallemission seines Fahrzeugs bereits halbiert. Über eines sind sich Fachleute einig: Individuell und gesellschaftlich gesehen bekommt man den schädlichen Lärm nur durch ein Bündel von Maßnahmen in den Griff.

Die Idee, den Lärmschutz im Umweltgesetzbuch zu verankern, ist noch in der Diskussion. „Das Naturrecht auf Ruhe“, von dem manche sprechen, existiert allenfalls in der Phantasie. „Der Lärm aber ist die impertinenteste aller Unterbrechungen, da er sogar unseren eigenen Gedankengang unterbricht, ja zerbricht“, schrieb der Philosoph Arthur Schopenhauer vor gut 150 Jahren. Dass dies in gewisser Weise auch auf Tiere zutrifft, konnte der kluge Mann nicht ahnen. Vögel hören ihre eigenen Gesänge nicht mehr, Wale und Delphine werden durch unterirdische Explosionen gestört. Bei vielen Arten sinkt so der Bruterfolg und die Population schrumpft. „Menschen und Tiere brauchen Ruhe“, hat das Bundesamt für Naturschutz deshalb moniert. Lärmfreie Zonen und Zeiten, wo wir uns erholen können, scheinen überlebenswichtig für alles, was kreucht und fleucht.

Hans Krautstein

Der Lärm in Zahlen

Es ist international üblich, die Schalldruckpegel störender Geräusche in Dezibel, kurz dB(A) anzugeben. Unabhängige Ärzte, Sozialwissenschaftler und Psychologen stimmen darin überein, dass bei häufiger Überschreitung des Werts von 55 dB(A) (nachts 45 Dezibel) Gesundheitsschäden auftreten können. Die wirkliche Belastung ist jedoch nicht nur von Zahlen abhängig, sondern auch von der Art der Lärmquelle, der Anzahl (Frequenz) und Stärke (Amplitude) der Schwingungen sowie von subjektiven Einstellungen des Empfängers. Weil Verkehrslärm eher hingenommen wird als ein Preßlufthammer, sprechen Lärmwirkungsforscher von „Akzeptanz“. Auch leise Geräusche können stören, meist werden hohe Töne unangenehmer empfunden als tiefe.

Die Dezibelskala ist logarithmisch aufgebaut und reicht von 0 bis 130. Sehr leise Geräusche zwischen 0 und 20 dB(A) sind kaum wahrnehmbar, Umgebungsgeräusche abseits von Städten misst man mit 20 bis 30 dB(A). Bei normaler Unterhaltung beträgt der Schallpegel etwa 55 dB(A), bei starkem Verkehr rund 80 dB(A). Presslufthämmer und Musikanlagen erreichen bis zu 100 dB(A), das Triebwerk eines Düsenflugzeugs bringt es sogar auf 130 dB(A). Eine Erhöhung der Dezibelzahl um 3 dB(A) bedeutet bereits eine Verdoppelung des Geräuschpegels. Da Art und Dauer des Lärms meist schwanken, bedient man sich sogenannter „Mittelungspegel“, deren Aussagekraft jedoch umstritten ist.

© bio verlag gmbh 2000

21.04.1999: Ständiger Lärm beschleunigt die Alterung des Herzens

Zu laute Geräusche können krank machen

Schon der Philosoph Arthur Schopenhauer beklagte sich über den unnötigen Lärm, der niemanden so recht zur Besinnung kommen lasse. Und der Arzt Robert Koch meinte: „Eines Tages wird der Mensch den Lärm ebenso unerbittlich bekämpfen müssen wie die Cholera und die Pest.“

Autos, Flugzeuge und Eisenbahnen, Rasenmäher, Preßlufthammer und laute Musik , Lärm ist nahezu überall, und seine Gefahren für die Gesundheit werden oft unterschätzt. Der heutige internationale Tag für die Ruhe (Noise-Awareness-Day) soll auf Probleme durch Lärm und Möglichkeiten der Lärmminderung aufmerksam machen.

In Europa sind 80 Millionen Menschen rund um die Uhr Verkehrslärm ausgesetzt. Rund 80 Prozent der Deutschen fühlen sich durch Verkehrslärm gestört. „Die Nachtruhe ist dabei für die Gesundheit besonders wichtig“, sagt Hartmut Ising vom Umweltbundesamt in Berlin. Verkehrslärm in der Nacht sei daher in seiner Wirkung noch schädlicher als am Tag. „Lärm beschleunigt die Alterung des Herzens“, so Ising. Studien hätten gezeigt, daß Verkehrslärm das Risiko für einen Herzinfarkt um zehn Prozent erhöhe. Und ohne den Lärm am Arbeitsplatz gebe es in Deutschland 16 Prozent weniger Herzinfarkte. Lärm sei damit nach dem Rauchen der zweitgrößte Risikofaktor, erklärt Ising.

Mehr als fünf Millionen Arbeitnehmer in Deutschland sind gesundheitsschädlichen Lärmpegeln ausgesetzt. Hohe Schallpegel können die feinen Sinneshärchen im Ohr irreparabel zerstören. Lärmschwerhörigkeit ist mit einem Anteil von rund 30 Prozent eine der häufigsten Berufskrankheiten. Allein für entsprechende Berufsunfähigkeitsrenten entstehen jährlich Kosten in Höhe von 350 Millionen Mark.

Rund 13 bis 14 Millionen Hörgeschädigte gibt es in Deutschland, erklärt Brigitte Schulte-Fortkamp, Akustikforscherin an der Universität Oldenburg. Und der Berliner Audiologe Hartmut Berndt warnt: „Ein Drittel aller Jugendlichen wird im Alter von 50 Jahren ein Hörgerät benötigen.“ Ursache dafür sei vor allem die laute Musik auf Rockkonzerten und in Diskotheken. Lutger Visse vom Deutschen Arbeitsring für Lärmbekämpfung (DAL) in Düsseldorf fordert die Menschen daher auf, lärmbewußter zu leben und mehr Rücksicht aufeinander zu nehmen.

Allerdings ist die physikalisch meßbare Stärke von Lärm noch kein Maß für das subjektive Gefühl der Belästigung. Bei Tätigkeiten, für die Ruhe notwendig ist, kann schon das Tropfen eines Wasserhahns stören. Lärm, der mit einer sinnvollen Tätigkeit verbunden ist, wird eher akzeptiert als unnötiger Krach. Beim Lärmschutz sei wichtig, daß die Bevölkerung vom Nutzen der Maßnahmen überzeugt sei, sagt Rainer Guski, Professor für Psychologie an der Universität Bochum. Sonst werde Lärmminderung gar nicht wahrgenommen.

In völliger Stille fühle sich der Mensch aber auch nicht wohl, so Guski. „Der Mensch braucht Geräusche, um sich in seiner Umwelt orientieren zu können.“

© DIE WELT, 21.4.1999

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