Einschaltverweigerung

Gegen den alltäglichen LärmterrorDas Akustische Manifest!!!!!

Kategorie-Archiv: Über Lärm

03.11.2009: Lärmschutz ist immer noch kein Thema…

In der Telepolis vom 3.11.2009 steht ein interessanter Beitrag: 

Heimatloser Lärmschutz

von Peter Mühlbauer.

Der Autor stellt fest:

In fast allen Emissionsschutzanliegen gab es seit den 1970ern Fortschritte: Die Luft ist heute praktisch überall in Deutschland sauberer als vor 30 Jahren, damals tote Gewässer beherbergen essbare Fische und wilde Müllkippen sind weitgehend verschwunden. Nur beim Lärmschutz wurde zwar manches besser – aber noch mehr deutlich schlimmer. Das zeigt sich unter anderem an den Absatzzahlen von Ohropax, die auch in der Krise beständig wachsen.

und konstatiert eine wachsende Zahl durch Lärm verursachter Amokläufe.

Es ist ein deutsches Phänomen, daß Lärm nicht negativ besetzt ist, sondern vernachlässigt, wenn nicht sogar verteidigt wird. Ich verstehe nur nicht warum das so ist.

Lärmbedingte Schlaflosigkeit und lärmbedingte Herzinfarkte lassen nicht aufhorchen… interessantes Wortspiel, bei Lärm hört man ja nichts..

03.01.2009: Lärmschutz auf Chinesisch

So beschreibt Ma Ping Zuo auf heitere Art das chinesische Lärm-Inferno:

Eine der wesentlichen Grundlagen der chinesischen Gesellschaft ist der Lärm. Der Wunsch, immer und überall von Krach umgeben zu sein, hat praktisch alle Bereiche des chinesischen Lebens durchdrungen und wird mit allergrößter Begeisterung von Jung und Alt praktiziert. (…) Große und kleine Lautsprecher vor Restaurants, Geschäften, Kaufhäusern und natürlich in Parks und Grünanlagen tragen basstief wummernd oder fistelig plärrend dazu bei, die essentiell notwendige Geräuschmenge für das Funktionieren öffentlichen und privaten Lebens sicherzustellen.

Mit bitterer (oder heiterer?) Resignation verweist sie auf die Zurückgebliebenheit der Provinz, in der der Fortschritt den Lärmpegel noch nicht hat anschwellen lassen:

Allerdings – die Einkommenslage der Landbevölkerung ist generell noch nicht so beschaffen, dass hier signifikant die Möglichkeit zum vermehrten Automobilkauf gegeben wäre. Diskutieren könnte man natürlich in diesem Zusammenhang, ob nicht an alle, die sich noch kein Auto leisten können, schon mal hilfsweise eine Hupe ausgegeben sollte.

Den ganzen Artikel finden Sie bei Glanz und Elend

31.03.2007: da möchte ich nie wieder hin

schon vor 20 Jahren war es mir auf dieser Messe zu laut, als Bill Bruford aufspielte, aber inzwischen?

Beschallungskunst

"Musikmesse" ist ein irreführender Name für das, was auf dem Frankfurter Messegelände derzeit zu erleben ist. Es ist eine Beschallungsmesse. Musik als Inbegriff kulturell bedeutsamer, intellektuell und emotional aufgeladener, wohl geordneter Geräusche ist nicht der eigentliche Gegenstand dieser Messe. Die Musik ist eine Voraussetzung für das kommerzielle Geschehen, sie ist das Material, das hier bearbeitet wird. Das Anliegen der Messe ist die Verbreitung, nicht die Produktion dieses Materials.

Für den, der sich in dieser Umgebung einen Tag lang aufhält, findet eine Rückverwandlung statt: Musik verliert ihre Ordnung und ihre Botschaft. Sie wird, über den Umweg des kontingenten, aufdringlich unausweichlichen Lärms, zu dem sie sich in den Hallen zusammenzieht, wieder zum lästigen Geräusch und verwandelt sich zwischen den Ohren dauerbeschallter Zwangshörer in Kopfschmerz. Und kein Stand auf der Musikmesse teilt Aspirin aus.

berichtet die Frankfurter Rundschau über die Musikmesse Frankfurt.

09.01.2006: Culture Jamming

Für Tausende von Generationen waren Regen, Wind und die Stimmen von Tieren und Mitmenschen die einzigen Hintergrundgeräusche. Der lärmende Soundtrack der Welt hingegen erstreckt sich auf alle Lebensbereiche und ist nicht mehr dekodierbar.

Ruhe ist etwas Fremdartiges, obwohl Ruhe vielleicht gerade das ist, was man braucht. Möglicherweise ist Ruhe für einen gesunden Geist dasselbe wie klare Luft, sauberes Wasser und eine chemiefreie Ernährung für einen gesunden Körper. In einer sauberen mentalen Umwelt könnten auch unsere Stimmungsschwankungen nachlassen. Es ist heute nicht mehr leicht, Ruhe herzustellen, und auch nicht immer sinnvoll. Aber es gibt Möglichkeiten, den Abfall in der mentalen Landschaft aufzulesen. Man kann den Fernseher im Wartezimmer des Zahnarztes abdrehen und den lauten Kühlschrank loswerden. Die Stereoanlage ausschalten, den Rechner unter den Tisch stellen.

aus: Kalle Lasn, Culture Jamming, Das Manifest der Antiwerbung

orange-press.com ©: Kalle Lassn + orange press

Kalle Lasn, CULTURE JAMMING
Das Manifest der Antiwerbung

orange press verlag, 2006

ISBN 3-936086-22-2

24.11.2001: Das Jahr 2002

wird ein Jahr werden, in welchem die Besucherzahlen hochschnellen, sagt der stellvertretende Direktor des Kunstmuseums Bonn, Christoph Schreier. Schon deshalb, weil das Bonner Institut verstärkt Klassiker wie Max Ernst, Paul Klee, Ernst Wilhelm Nay oder August Macke und die frühe Moderne in Europa präsentieren will. Nichts gegen die Klassiker, nichts gegen steigende Besucherzahlen, wir wünschen den Bonnern wahrlich viel Glück.

So weit, so gut. Darüber hinaus kündigt das Kunstmuseum für 2003 an, dass Künstler und Komponisten in dem vom der EU finanzierten Projekt Listen für die musikalische Begleitung des Besuchers durch die Ausstellungen sorgen werden. Dafür werden Sendegeräte in den Wänden installiert, und die Besucher bekommen die entsprechenden Kopfhörer. Zu jedem Bild soll das passende Geräusch erzeugt werden. Also Meeresrauschen zu Turner oder gleich La Mer; von Debussy, Preußens Gloria zu Anton von Werner, oder wie, oder was?! Zu Schiele, Klimt und anderen Wiener Sezessionisten selbstverständlich Mahler, zum deutschen Expressionismus nicht nur Ostseegeräusche, zu Otto Muellers nackten Badenden würde doch der eine oder andere Juchzer passen, sondern auch alles, was zwischen Schönberg und Hindemith möglich ist.

Soll das allen Ernstes so gemeint sein? Sind wir alle nicht schon genug belästigt, ja, genotzüchtigt mit der Allgegenwart reproduzierter Musikkonserven, dem ewigen Dudelsound über Fleisch- und Whiskytheken, dem Gesäusel in Spielwaren- und Textilabteilungen, in denen man kaum eine Hose anprobieren kann, ohne sich als Rieselfeld jenes Odels zu fühlen, den manche für Musik halten? Selbst U-Bahnhöfe sind nicht mehr sicher vor Heiterem Erwachen auf dem Lande aus den Lautsprechern, Beethoven kann sich nicht mehr wehren. Gewiss, niemand muss vor den Bildern zum Kopfhörer greifen, es sei doch nur ein zusätzliches Angebot. So billig waren die Ideen zur Synästhesie, zum Zusammenspiel der Wahrnehmungskünste nicht gemeint. Wollen hoffen, dass es auch in Bonn nicht so zu verstehen ist.

Dieser verzweifelte Text stammt aus der Süddeutschen Zeitung vom 23. November 2001