Autor: Connie

Leises Neues Jahr?

Es ist schon erstaunlich, wie das Thema „Lärm“ doch immer wieder in den Vordergrund rückt, aber dabei bleibt es dann auch.

Es gibt immer noch (oder wohl nie) keine wirkungsvollen  Schutzvorschriften vor Lärm, und vor allem:

es gibt keine Einsicht, daß permanente Beschallung kulturell abstumpft und verdummt, daß permanente Beschallung dem Menschen die Selbstreflexion verstellt, daß permanente Beschallung den Menschen entwürdigt und zum funktionierenden Zombie der Konsumgesellschaft macht.

Ich will nicht schon wieder über die Diktatur des Billigen über den selbstbestimmten Audiokonsum schreiben, ich möchte auf einen Aspekt hinweisen, der gerade in einem fundierten Beitrag bei Heise.de erschienen ist: Hintergrundmusik von Roland Benedikter.

Schon die Kapitelüberschriften machen es deutlich:

Kommerzielle Hintergrundmusik füllt alle Gemeinschaftsräume aus. Sie ist die unaufhörliche Injektion unbewusster Traurigkeit, die zum Konsum als Ersatzhandlung führen soll. Man kann sich ihr nicht entziehen – und unterliegt dabei einer ständigen Seelen- und Gehirnwäsche, die nur ein Ziel verwirklicht: ästhetische Einstimmung in Konsumtraurigkeit – was wiederum nach mehr Berieselung verlangt. Wie sich dem Teufelskreis entziehen?

Lesen Sie weiter, der Beitrag ist fundiert und wichtig!

Franz Kafka: Großer Lärm

Großer Lärm

Ich sitze in meinem Zimmer im Hauptquartier des Lärms der ganzen Wohnung. Alle Türen höre ich schlagen, durch ihren Lärm bleiben mir nur die Schritte der zwischen ihnen Laufenden erspart, noch das Zuklappen der Herdtüre in der Küche höre ich. Der Vater durchbricht die Türen meines Zimmers und zieht im nachschleppenden Schlafrock durch, aus dem Ofen im Nebenzimmer wird die Asche gekratzt, Valli fragt, durch das Vorzimmer Wort für Wort rufend, ob des VVaters Hut schon geputzt ist, ein Zischen, das mir befreundet sein will, erhebt noch das Geschrei einer antwortenden Stimme. Die Wohnungstüre wird aufgeklinkt und lärmt, wie aus katarralischem Hals, öffnet sich dann weiterhin mit dem Singen einer Frauenstimme und schließt sich endlich mit einem dumpfen, männlichen Ruck, der sich am rücksichtslosesten anhört. Der Vater ist weg, jetzt beginnt der zartere, zerstreutere, hoffnungslosere Lärm, von den Stimmen der zwei Kanarienvögel angeführt. Schon früher dachte ich daran, bei den Kanarienvögeln fällt es mir von neuem ein, ob ich nicht die Türe bis zu einer kleinen Spalte öffnen, schlangengleich ins Nebenzimmer kriechen und so auf dem Boden meine Schwestern und ihr Fräulein um Ruhe bitten sollte.

Franz Kafka: Großer Lärm, 1912

Zartbesaitet

Wer unter Lärm leidet, wird nur zu oft als zartbesaitet abgestempelt, und das ist dann abfällig gemeint.

Nun bin ich auf eine Webseite gestoßen, die sich dem Thema „Hochsensibilität“ widmet, die Seite des Vereins  Zart besaitet, dem Verein zur Förderung hochsensibler Menschen:

www.zartbesaitet.net

Die Informationen auf dieser Seite haben mir gutgetan; ich werde nun ersteinmal die vielen Informationen auf dieser Webseite studieren, aber ich habe schon die Erkenntnis gewonnen, daß ich zu der Gruppe sensorisch empfindlicher, jedoch extravertierter Menschen gehöre, die solchermaßen beschrieben werden:

Sensorisch sensible Menschen haben besonders feine Sinneswahrnehmungen: Geräusche, Gerüche, Licht und Farben wirken auf sie besonders stark. Oft haben sie in diesen Bereichen eine Begabung: musisch, künstlerisch, ästhetisch.
ev. Nachteile: oft besonders lärmempfindlich, leicht irritiert, von vielen Sinneseindrücken schneller überlastet.

In dieser Beschreibung finde ich mich wieder: Kunst und Musik sind ein wichtiger Teil meines Lebens, aber ich leide unter Lärm. Bin aber, wie 30% der Betroffenen, recht extravertiert und kontaktfreudig – und davon eben oft auch überfordert.

Schaue ich auf die letzten Jahre zurück, kann ich aber eine bemerkenswerte Verbesserung meines Lebens erkennen:

seit ich in Altersteilzeit bin und in ein Dorf nach Ostvorpommern gezogen, bin ich nicht mehr so stark den Geräuschen der Umwelt ausgeliefert.
Meine Kontakte haben sich intensiviert, sind weniger oberflächlich und ich bin wohl ausgeglichener als früher.
Lärm, Musikberieselung etc. ertrage ich heute leichter, fühle mich zwar immer noch gestört, aber nicht mehr so hilflos und verzweifelt wie früher in solchen Situationen.
Umso gelassener kann ich auch „Leiserstellen“ oder „Radio aus“ bitten ;=)

Mir geht es besser, ich habe das Glück, daß ich meine Lebensweise zum Positiven ändern konnte.

Unser täglich Lärm – bei arte

Unser täglich Lärm – Lärm macht kaputt

Das sind zwei Sendungen, die arte heute zur besten Sendezeit ausstrahlt.

Wie gut, daß das Thema mal auf den Tisch kommt.

Man ist ständig von Lärm umgeben, ohne es zu merken. Warum auch? Man ist ihn ja gewöhnt. Irrtum, sagt die Wissenschaft. Der Körper kann sich nicht an Lärm gewöhnen. Der unterhaltsame Film von Dorothee Kaden macht unseren täglichen Lärm zwischen Vergnügen und Gefährdung hörbar. Sie begleitet zwei Familien und zeigt, wie sie sich täglich Lärm aussetzen und ihn selbst produzieren.

 Die Sendungen: 

Unser täglich Lärm

Lärm macht kaputt

 

 

nach längerer Pause oder soll ich…

schreiben, nach längerer Stille hier im Blog?

20070329-travelfit01_midNun, ich muss nicht mehr so oft mit dem Zug fahren, mit dem Bus oder dem Flieger, wohne in einer ruhigen Gegend nahe der Küste und nicht mehr in der Großstadt, aber: Das Lärm-Thema ist für mich immer noch aktuell, mir immer noch bewußt.

Denn ich genieße die Stille, freue mich wenn ich statt Verkehrslärm frühlingstrunkene Vögel zwitschen höre und ich wahrnehmen kann, wie der Specht im Wald klopft oder der Kuckuck ruft,

Ich habe es jetzt besser., Die Aufgabe der Arbeit und der Wohnortwechsel – das ist ein Luxus, den ich mir leisten konnte,bin ja nun über 60 und brauche die Stadt nicht mehr.
Trotzdem: Lärm macht krank. Das kann man nicht oft genug deutlich machen.

Und da weise ich doch gerne auf den Artikel im Spiegel hin: Stress durch Lärm – Stille ist Luxus. Erstaunlich allerdings, daß es solche Artikel beim Spiegel noch gibt, wo doch sonst deren Kriegsgeschrei alles übertönt…